Das poetische Manifest Geister ohne Heimat des irakischen Regisseurs und Autors Kassim Bayatly ist eine Neubearbeitung seines vor 20 Jahren geschriebenen Textes An einen engen Freund, den Fremden. Bayatly überarbeitete den brisanten Stoff für seine neue Theaterproduktion, die der aktuellen verheerenden Situation im Irak angepasst wurde und zur Zeit in Duhok, Kurdistan, Irak uraufgeführt wird.


Bayatly spricht in seinem Text vom Eingeständnis des beständigen Zweifels, der Sehnsucht nach Menschlichkeit und der Suche nach dem Funken Hoffnung: ein poetisches und künstlerisches Manifest gegen den Krieg und seine schmutzigen Geschäfte. Bayatly kennt sein Land und seine Leute im Innersten, ging weg und kehrte zurück. Geister ohne Heimat ist ein Aufschrei, eine Beschwerde. Der irakische Künstler erhebt seine Stimme gegen die Barbarei der Korruption und die zerstörerische Kraft des Krieges in unserer aktuellen Geschichte.

Hiermit teilen wir die deutsche Übersetzung des Textes, vom Autor zur Veröffentlichung (mit Nennung der Urhebertitel) freigegeben: 

"Geister ohne Heimat" 
von Kassim Bayatly 

übersetzt aus dem Italienischen von Verena Stenke 


Fremder, der du deine Erde aufgegeben hast aus Notwendigkeit. 
Fremder, der du auf deiner Erde lebst, fremd im eigenen Volk. 
Fremder, der du emigriert bist aus der Erde Eingeweiden, aus deiner Mutter Schoss, 
fühlst du dich nicht fremd im Reich Gottes? 


Die erschrockenen und stummen Blicke fixieren in unsicherer Erinnerung was noch an Leben übrig ist. 
War es nicht Dein Traum, eine Brücke zu bauen an der Bank des Deltas des Vorderen Orients? 
Eine Brücke über zwei gewundene Flüsse, welche seit Urzeiten auf der Erde Deines Sichtbaren und Unsichtbaren verlaufen. 
Eine tiefe Wunde im Herzen tropft Blut auf deine düstere Melancholie. 


Das zerrissene Herz, du trägst es noch immer eng in der unbekannter Dinge vollen Brust. 
Wie lange noch können Poesie, Gesang und Musik Dich mit Kraft nähren, damit die angespannte Schnur nicht zerreißt welche in dir vibriert? 
Wann konnte je ein Kunstwerk einen Krieg besiegen? 


Du liebtest jene immense Wüste, jenen hellen Palmenwald aus Dattelzweigen, jene endlosen Flüsse in dir auf deren Ufern nun eine Wolke hängt, ein schwarzer Fluss gen Himmel steigend, gen den Himmel der Kinder, die zu dir kommen wollten. 
Dort ist ein Garten in Brand geraten, hier lodert ein Feuer für deine Leute, für deine Erinnerungen und Träume. 
Wo ist jenes Land, wo sind jene Flüsse, trägst du sie noch im Herzen? 


Wo ist jener grüne Teppich mit labyrinthischen Zeichnungen auf welchem du Tee trankst am Nachmittag mit deinen Schwestern, deine Enkel auf den grünlichen Ziegeln im kühlen Hinterhof spielend. 
Trockene Lippen, speichelloser Mund, tränenleeres Augenlid. 
Der Tod holt Jungen im zarten Alter: was macht es ihnen schon aus wenn sie vorangehen, in ihren Angelegenheiten, mit vollem Wind in den Segeln. 
Was macht es schon aus, wenn die Flügelseele mit Füssen getreten wird, wenn der Lebensbaum im schaurigen Sandsturm entrissen wird? 


Der Wind trägt Stimmen ans Ohr und es trifft ein Flüstern das einsame Herz, das schreiende Herz, 
ein Schrei wie der eines Neugeborenen, wie der eines Spatzen. 
Oh Ihr Mädchen mit den schwarzen Zöpfen, die ihr auf den nackten Straßen rennt, was wissen sie von euch, diese versteinerten Tyrannen, was wissen sie von eurem bräunlichen Antlitz, von euren Lippen, von euren um Hilfe rufenden Mündern, was wissen sie von eurer Brust, die ein Kind ernährt das es vor dem Dämmern ängstigt, vor dem Klang eines vom Himmel absteigenden Vulkans. 


Zerschlagen, zerstört jene Heimat, die einmal in dir war, in welcher du warst, und welche nirgends war außer in dir. 
Halte diesen scheinenden Diamanten in dir noch fest, so fest. 
Fremder, flehtest du je den Himmel an, Dein Schrei würde abgelehnt. 


Die schrecklichen Taten, Lügen und Lobpreisungen der Maschinerie des Todes waren versteckt hinter einer schwarzgoldenen Maske. 
Maske der Betrüger, Maske der Spieler der dreckigen Machenschaften. 
Alles war so fein geworden, so mehr und mehr raffiniert auf der Zunge der Fürsprecher, fähig, ihre perfide Person zu geben. 
Seltsame Gedanken kommen und gehen, zerstört bist du vom Warten - was ist geblieben von jener sagenhaften Stadt? 


Das Wasser des smaragdgrünen Flusses fliest in der Mitte des Landes, sich grenzend an die Passanten am Ufer.
Sie tragen ihre Leiden, ihre Geheimnisse versteckt in der Brust, fließend in den Busen des Meeres, des geschwollenen Ozeans der peinlichen Mitteilungen, gesandt auf den Wellen jenseits der verminten Grenzen. 
Das Meer kommt nicht zurück, antwortet nicht auf gesandte Nachrichten. 


Die Wartenden fixieren den Mond am Himmel, sehen dein schwer fassbares Bild und schreiben mit Blicken und Stille eine stumme Nachricht ohne Buchstaben, ohne hörbaren Laut; 
ein Atemzug, der in der absoluten Leere des Himmels verschwindet. 
Die Spitze eines Seufzerstroms sticht dich plötzlich in die schlagender Herzens Brust, 
gefangen in den Erinnerungen eines benebelten Triebes. 


Die auf felsigen Wegen geritzten Zeichen tragen deine Karawane zur Tiefe jener Quelle, die sich ergießt bei der Ankunft der geduldigen Ritter und unermüdlichen Kämpfer. 
Oasis in der enormen Wüste unendlicher Straßen. 
Diese Gesichter tragen die Spuren der antiken Welt und der ungewissen Zukunft, diese gedemütigten Gesichter der Kinder, die mit ihren Müttern flüchten, des menschlichen Bewusstseins Scham. 
Seelen ohne Heimat, ohne Tempel in einer beständigen Welt. 


Die Zeit trügt dich als ob du nicht wüsstest wie sie ist. 
Sei nicht verwirrt, einst war die Wahrheit in der Brust der Menschen; 
sei nicht verwundert, diese sind wir, Menschen sind wir, Kinder der Vergessenheit. 
Nach allem, Fremder, bist du allein unter anderen Fremden, bist du noch immer eine milde und zarte Kreatur, 
ist noch immer deine Hand an die Dämmerung gebunden, die den Tag mit der Nacht verfaltet. 


In dieser Dämmerung hört keiner deinen einsamen Schrei; 
trägst du noch immer in deiner tiefsten Vertrautheit die ewige Flamme, auf den Pfaden jener antiken Festung pilgernd, auf den in sich selber verwundenen Sträßchen der Bazare, der Singsang der Bettler zerbricht das Geflüster der Passanten.
Dein alter Vater des sonnenverbrannten Gesichtes ist dort unten geblieben, das Wort Gottes singend betet er, mit seinem weißen Schweißtuch tanzt er, in den kühlen Höfen der Sonnentempel.


Es fällt der schwarze Regen auf die Stadt, ihrer vielen Ethnien bunter Farben entblößt, und erweckt den leisen Angstschrei eines Atemzuges, begraben unter der Asche dieser antiken und unermüdlichen Flamme. 
Deine Flamme, mein vertrauter Freund, der Fremde. 

 

 


ÜBER DEN AUTOR 


Irakischer Schauspieler, Autor, Regisseur, Sänger, Sufi Tänzer, Universitätsforscher: die Lebensgeschichte des Kassim Bayatly ist eine Besondere, wenn nicht Einzigartige. Der Theaterautor blickt auf die reiche Tradition von Jerzy Grotowski und Eugenio Barba zurück, und beschreitet seinen persönlichen Weg zum Theater durch tägliche Übungen der Spiritualität und mystischen Techniken, welche die Bewegung des Schauspielers in den Bereichen der "feinstofflichen Körper" kräftigt. Bayatly versteht sich, sein Theater und seine Schriften als eine Brücke zwischen den Welten und Kulturen, welche andere immer noch hartnäckig auseinanderhalten wollen.
Kassim Bayatly ist in Bagdad geboren, wo er am Kunstinstitut im Jahr 1976 in den Sparten Theater und Kino diplomierte. Im selben Jahr geht er nach Italien um dort sein Studium des Theaters zu vertiefen. Er promovierte mit Doktorat an der Universität DAMS in Bologna. Im Jahr 1984 gründete er die Theatergruppe Teatro dell'Arcano (Theater des Geheimnisvollen) mit der er ein Dutzend Werke produzierte welche die Einflüsse des Orientalischen Theaters und der Kultur des mystischen Sufismus zeigen. Hervorzuheben sind die Produktionen: Die Geschichte des Einsiedlers (1984), Isthmus - Schimmer des Ostens (1987), Der geflügelten Sonnenscheibe entgegen (1989), Die Tänze des Geheimnisses (1991), An einen engen Freund, den Fremden (1992), Das Goldene Vlies (1994), Shahrazad, an Bagdad denkend (2005) und Der Barde von Bagdad (2007). Die Stücke wurden international präsentiert, u.a. in Italien, Spanien, Marokko, Tunesien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Libyen, Dänemark, Belgien, England und Brasilien. 
Kassim Bayatly hat eine Vielzahl an theoretischen und praktischen Kursen, Seminaren und Workshops entworfen, welche u.a. am DAMS Bologna, Universität Rom, Institut für Theater in Cambridge, Kunstakademie Bagdad sowie in Kairo und Casablanca gehalten wurden. Bayatly ist Mitbegründer des Labors für kontinuierliche Ausbildung der Schauspieler und Regisseure der Kulturdirektion der Regierung in Sharigiah (VAE). Er hat eine Vielzahl von Büchern auf Italienisch und Arabisch veröffentlicht: u.a. Dialoge rund um das Theater (Titivillus, 1997); Das Gedächtnis des Körpers (Ubulibri, 2001); Der Körper offenbart (Ananke Edizioni, 2005); Die Struktur der feinstofflichen Körper (Ubulibri, 2006). Er übersetzte Texte von Dario Fo, Eugenio Barba, Gianni Rodari sowie zahlreiche Essays über Theaterkultur aus dem Italienischen ins Arabische. Bayatly hat als Regisseur und Professor an Konferenzen und internationalen Theatertreffen mit Beiträgen über Sprache und Technik des Schauspielers und arabischen Tanz teilgenommen, z.B. an der 2. Bildungs- und Ausbildungskonferenz der Universität Beirut (Libanon) und der Internationalen Konferenz "Theater in den dunklen Zeiten" des Zweiten Vatikanischen Ökumenischen Konzils in Bello Orizzonte und Rio de Janeiro (Brasilien).
In den Jahren 2008/09 leitete Kassim Bayatly als Professor die Theaterabteilung Regie und Schauspiel an der Fakultät der Künste der Universität von Tripolis (Libia). Seit 2011 lehrt an der Philosophischen Fakultät der Universität Duhok in Kurdistan (Irak).

 

 

Wir stehen Ihnen gerne für Fragen und Interviewwünsche mit Herrn Bayatly zur Verfügung (Kontakt).

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