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1 9 Monolog – Briefe aus der Isolation
Performance-Monolog als Teil des laufenden Zyklus HOME

Während viele in Europa sie für längst ausgerottet halten, ist sie weltweit noch immer eine der tödlichsten Pandemien. In der Romantik war sie der Inbegriff von Muse und Poesie, und in Malerei, Literatur und Musik ein beliebtes Motiv. Als “Erstgeborene der Mutter von Seuchen und Krankheit” geleitet sie den Primaten Mensch seit Urzeiten durch die Geschichte. Heute ist sie heilbar, und doch sterben noch immer Jahr für Jahr über eine Millionen Menschen weltweit* an ihr. Ihre gesellschaftliche Wahrnehmung hat sich im Laufe der Epochen grundlegend verändert: von der verherrlichten, romantischen Malaise der Poeten der Bohème, über den leidvollen Proletariertod der Industriewende, zur asozialen Krankheit der Aussätzigen während des Nationalsozialismus. Heute wird sie als die öffentlich kaum beachtete Krankheit der Randgruppen, Abhängigen und Mittellosen angesehen. Die Rede ist von Tuberkulose. Die eigene Erfahrung des Körpers als Zuhause für Pathogene fließt in diesen autobiographischen Performance-Text mit ein, während eine Brücke zwischen präziser Selbstbeobachtung und dem globalen, historischen und literarischen Außen geschlagen wird.

Während meine Flügel durchbohrt sind wie von Motten mit dem, was sie die Erstgeborene der Mutter von Seuche und Krankheit nennen, durch das, was ich die Ansteckungsgefahr vom Herzen her nenne, spüre ich Entmaterialisierung. Das Gewebe, die Materie, die sie verbraucht haben, kommt nie mehr zurück. Wo ist sie hin? Sie lassen nur Schatten. Was nun längliche Spinnengewebslöcher sind zieht sich in aufgelegte, gezeichnete Narben zurück, und dunkelt auf dem Innenportrait als schwarze Risse nach – ein Knacks, gewachsen aus Schattenlöchern.

In diese Löcher fällt man vom Rand her, von Rändern an denen es Hoffnung nicht gibt. Von Rändern, an denen man flüchtet und verliert, Ränder jeder Zeit, von Rändern der Ordnung in Unordnung, aus Subversion und Rebellion fällt man hinein. Von Rändern, wo man das Zuhause nicht kennt. Und auch Ränder, die wir nicht kommen sahen, Ränder, von denen wir nicht einmal wussten, wo sie sind. Aber wo Ränder sind, da ist auch ein Zentrum, und selbst von dort fällt man hinein. Sie kamen als Preis des Kapitalismus, für die Ausbeutung von Arbeit. Sie bleiben als Preis für dessen Träume, die wir noch immer verfolgen. Natur gibt uns Anleitung über Krankheit als Bedrohung der sozialen Ordnung.

 

* WHO World Health Organization Fact Sheet 2019 (as of October 2020)

"Die Schwindsucht bleibt eine 'soziale Krankheit', sie ist zur 'Krankheit der Randgruppen' geworden. Das macht es eher unwahrscheinlich, dass die Schwindsucht noch einmal zum literarischen oder künstlerischen Sujet wird."

Ulrike Moser, Schwindsucht - Eine andere deutsche Gesellschaftsgeschichte, S. 228

Wir danken Frau Dr. Bock-Hensley und dem Deutschen Tuberkulose-Archiv Heidelberg für die wertvolle Unterstützung.

VestAndPage - Verena Stenke in "1 9 Monologue" about pathogens and pulmonary tuberculosisdPage-Verena-Stenke-1-9-Monologue

Als Teil von

TAMEIH – Eine Untersuchung über das Zuhause

gefördert vom Fonds Darstellende Künste

aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien

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